Hochsensibel versus Schubladendenken

Hochsensibel versus Schubladendenken

(* = Werbelink)

Ständig liest man in Sozialen Medien, Blogs und auf Webseiten von der Hochsensibilität. Ich habe einen Artikel auf einem Blog gelesen, der mich doch mal wieder zum Nachdenken angeregt hat bzw. worauf hin ich diesen Artikel schreiben musste. Nichts gegen den Blog, von dem ich ein großer Fan bin, aber irgendwann ist das Thema auch ausgereizt. Menschen die sich alles so sehr zu Herzen nehmen und bei Fehltritten in ihr Schneckenhaus verziehen. Die bei dem kleinsten Fehltritt oder Fehler, die sie in ihrem Leben machen, sich in ihre Ecke verkriechen und heulen. Was soll denn der ganze Hype um die Hochsensibilität? Wieder so ein Modewort, welches sich in der Gesellschaft festgesetzt hat? Oder vielleicht auch das nächste Unwort des Jahres 2016. Vielleicht gibt es diese Hochsensibilität gar nicht, vielleicht ist es einfach der Charakter des Menschen.

Hochsensible mit besonderer Gabe

Immer wieder wird geschrieben, dass diese Menschen nicht die nötige Beachtung und Würdigung bekommen, die sie mit ihrer „besonderen Gabe“ haben. Welche Würdigung denn bitte? Als wenn es Götter von einem anderen Planeten sein, die man jeden Tag anbeten und vergöttern sollte. Ich glaube, dass diese „Menschen“ wenn wir sie in diese Zusammenhang schon in eine Schubalde stecken, einfach ganz normal sind, wie andere Nicht-Hochsensible-Menschen auch. Sie sind vielleicht auch einfach nicht so stark im Leben verankert, deswegen muss man hier noch lange nicht von einer besonderen Gabe sprechen. Besondere Gabe, weil man diese Welt feiner wahrnimmt und dadurch sensilber wird. Das muss mir mal jemand erklären!

Hochsensible Menschen sind feinfühliger

Ich habe das Gefühl, dass nur noch diese „besonderen hochsensiblen Menschen“ das Feingefühl zu anderen Menschen und Tieren haben. Was ist mit den Nicht-Hochsensiblen Menschen? Laufen die den ganzen Tag durch die Weltgeschichte mit Scheuklappen. Haben diese „anderen Menschen“ keine Gefühle und Feingefühl zu ihrem Umfeld? Hört sich für mich so an. Kann man überhaupt soweit kategorisieren? Man verspürt als Hochsensibler schneller negative Stimmungen, ist schneller traurig und erkennt Probleme schneller. Ist das wirklich so? Ich glaube hier wurde einfach eine neue Schublade aufgemacht, in die alle Hochsensiblen dieses Planeten reingeschoben werden. Damit dies nicht so aussieht, wird ein neues kreatives und vor allem total hippes Wort geschaffen: Hochsensibel.

Alleine wenn man sich schon die Namen einiger Bücher anschaut. Schlagworte wie Genialität, Berufung, Gabe oder Multitalent!

Hochsensible Menschen als Multitalente

Alle Menschen, die hochsensibel sind haben angeblich auch erhöhte Sinneswahnehmungen. Ich glaube, ich habe noch nie so eine Quatsch gelesen. Das heißt, dass diese Menschen besser riechen, schmecken, sehen und hören können? Physiologisch gesehen eine weiter entwickelte Spezies. Wow! Also doch Menschen von einem anderen Planeten. Dadurch sind sie aber auch schneller gereizt und überreagieren. Ja komisch, wenn man höhere Sinneswahrnehmungen hat. Sie erkennen den großen Zusammenhang schneller, können schneller „Querverbindungen“ herstellen, führen so schneller zu Ergebnissen. Richtige Wundermenschen, diese Hochsensiblen. Wahre Genies! Durch ihre sensible Seite ist auch ihre Intuition stärker vorhanden. Vielleicht hat das aber auch so rein gar nichts mit der „Gabe der Hochsensibilität“ zu tun. Vielleicht sind dies auch einfach nur Frauen, wenn wir schon mal wieder in Schubladen denken. Man spricht ja auch oft von der weiblichen Intuition! Kreativ sind sie auch noch, diese Hochsensiblen. Man, man, man was für Menschen.

Hochsensible sind die besseren Menschen?

Auch ich bin kreativ, kann Zusammenhänge schnell erkennen, liebe mein Umfeld mit meinen Mitmenschen, mag Tiere, bin feinfühlig, kann Querverbindungen schnell erkennen und vieles mehr. Deswegen bin ich noch lange nicht Hochsensibel. Was immer das auch sein soll. Wollen Sich diese Menschen in ein besonders tolles Licht stellen, weil sie besonders hochintelligent, hochkreativ und hochfeinfühlig sind. Man stellt diese Menschen so dar, als wenn die anderen, wie immer sie nun auch nennen mag, die Nicht-Hochsensiblen weniger kreativ und feinfühlig sind? Ich habe noch nie einen Menschen in meinem Umfeld sagen hören, ich bin ein hochsensibler Mensch.

Ich möchte mit diesem Artikel niemandem zu nahe treten oder die Hochsensiblen unserer Gesellschaft persönlich angreifen. Ich möchte nur aufzeigen, dass mal wieder eine Gruppe erschaffen wurde, in der wir Menschen reingeschoben werden. Katalogisiert werden, in Schubladen sortiert werden. Wieso muss man alles kategorisieren, sortieren, benennen? Ich kann dieses Schubladendenken mit den besonderen Fähigkeiten und Gaben einfach nicht verstehen. Sind wir nicht alle Menschen, mit unterschiedlichen Charakteren, die man einfach so nehmen sollte wie sie sind ohne einen Namen aufzudrücken?

In diesem Sinne
Namaste
Yogablog Ganzwunderbar

3 Comments

  1. Hallo Melanie,

    ich verstehe deinen Ärger sehr gut, bezüglich des Themas Hochsensibilität. Leider ist es in unserer Gesellschaft wie mit allem, wenn Menschen versuchen daraus Profit zu machen.

    Es ist schwer für Menschen, die man als Hochsensibel klassifiziert, wenn sie auf dem Weg zum Erwachsen werden nicht wissen was mit Ihnen los ist. Wenn sie sich selbst in Frage stellen, sich nicht als normal betrachten. Weil sie den Unterschied zu den Menschen in ihrer Nähe feststellen. Wenn sie immer wieder Gefühle in sich spüren, die nicht die ihren sind. Wenn sie sich immer wieder zurück ziehen müssen, weil sie vollkommen überlastet sind und es mit einer Depression verwechseln, sich aber nur ihre Batterien wieder aufladen müssen. Viele dieser Menschen können dank des Begriffes und dem für was er ursprünglich stand wieder ein normales Leben führen.

  2. Hallo Melanie, ich kann deinen Ärger auch gut verstehen. Zwar wurde ich nach psychologischer Diagnose (?) vor nicht allzu langer Zeit als „…“ eingestuft, aber mir wurde dabei nicht mitgeteilt, was nun „wird“.
    Dieses „Schneckenhaus“ welches von mir bunt und bunter angemalt wurde, ist mittlerweile noch bunter. Ich solle „härter“ werden, damit ich in dieser Gesellschaft nicht „untergehe“ …(?)
    Soll ich jetzt Beton „trinken“?
    Es ist nun mal so, der Charakter hat ein „Grund“-/Standbein, wie eine Wurzel. Die Verästelungen sind wie die Fühligkeiten und Arten, wie man die Charaktereigenschaften auslebt und/oder zeigt.
    Es ist – in meinen Augen und meinem Verständnis – immer noch jeder selbst für sich und seine Art „verantwortlich“. Ich kann also nicht „erwarten“ dass auf mich oder meine „Feinfühligkeiten“ jeder und alles Rücksicht nimmt.
    Das mit dieser Hochsensibilität wurde durch gespräche, Fragentests und Alltagssituationen gecheckt. Aber es ist kein „Pflaster“ für das „Wundsein“…

    Danke für deinen Bericht, der auch mir hilft, mich nicht 2zu ernst“ 😉 zu nehmen.

    VG Kat

  3. Hallo Melanie!
    Ich bin gerade durch Zufall auf diesen Eintrag gestoßen… Einige Gedankengänge und einen Teil deiner Wut kann ich sehr gut nachvollziehen. Mir (als Betroffene, um die Katze aus dem Sack zu lassen) gefällt auch sehr oft nicht, wie über Hochsensibilität gesprochen und geschrieben wird. Schon den Ausdruck „‚Hochsensibel“ halte ich für missverständlich… Er lenkt vom Eigentlichen ab. Was „Hochsensible“ NICHT sind: bessere Menschen, nettere Menschen… Es handelt sich dabei um eine neuronale Disposition. Unser Gehirn funktioniert einfach in bestimmter Hinsicht anders. Nicht mehr, nicht weniger. Das macht uns erst mal nicht besser oder schlauer oder liebenswerter. Aber tatsächlich prägt es unser Leben immens. Wir haben streng genommen keine „erhöhte Sinneswahrnehmung“, aber alle Sinneswahrnehmungen fließen ungefiltert in unser Bewusstsein, unser Gehirn tut sich schwer mit dem Aussortieren. Das ist, und dies nur am Rande, wissenschaftlich erwiesen. Wir leiden also schneller unter Reizüberflutung. Durch das fehlende Aussortieren oder eine fehlende „Gewichtung“ erleben wir vieles tatsächlich „intensiver“: Die wichtigen und schönen, genauso wie die belanglosen und die doofen Dinge des Lebens. Ansonsten sind wir wie alle anderen auch: Wenn es uns zu viel wird, brauchen wir Ruhe. Nur, uns wird es eben viel früher „zu viel“, und wir ziehen uns zurück, was Mitmenschen oft nicht verstehen und als Lustlosigkeit, Unbelastbarkeit, Faulheit oder gar (im Zwischenmenschlichen) Arroganz missverstehen. Und jetzt mein eigenes Anliegen: Hochsensible brauchen keine „Würdigung für ihre besondere Gabe“, aber sie brauchen Verständnis. Verständnis für das, was bei ihnen eben doch ein bisschen anders läuft. Und leider verbreitet dein Blogartikel das Gegenteil! Wie gesagt: Einiges, was du beschreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich wollte dir hiermit nur zeigen, dass „Hochsensibilität“ keine „erfundene“ Kategorie ist: Es gibt uns wirklich. Wir wollen nicht gelobt werden, aber zumindest anerkannt. Ich hoffe, du kannst das nachvollziehen und änderst deine Sichtweise vielleicht ein wenig. 🙂 Viele Grüße!

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